Wenn der Professor schummelt

Aus Betrugsfällen hat der Wissenschaftsbetrieb bisher wenig gelernt, finden Kritiker

Von Kerstin Witte-Petit

 

Nicht nur Studenten und Doktoranden schummeln und betrügen, auch Professoren. Glaubt man einer amerikanischen Studie, dann mogelt jeder dritte Forscher.  

Grund: Die Anreize sind falsch gesetzt, meinte am Wochenende in Bad Dürkheim eine Runde hochrangiger Professoren.  

Nur durch Zufall entdeckte der Marburger Mathematikprofessor Heinz Peter Gumm vor drei Jahren, dass sein Potsdamer Professorenkollege Klaus Denecke Passagen aus seinem Buch über Coalgebra teilweise wörtlich in ein eigenes Buch übernommen hatte. Da das aber auf Englisch erschien, blieb es eine Weile unentdeckt. Gumm bat die Uni des Plagiators um Hilfe – die gab das Ganze erst mal in eine Kommission. Und der Verlag, der das Buch des Plagiators herausgegeben hatte, wollte es nicht vom Markt nehmen. Genervt ging Gumm an die Öffentlichkeit, stellte Original und Plagiat zum Vergleich ins Internet. Die Sprecherin des Ombudsgremiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) fand das damals „nicht glücklich“.  

So etwas kläre man besser im üblichen Verfahren.

Dem Münchner Arbeitsrechtsprofessor Volker Rieble, Autor des Buchs „Das Wissenschaftsplagiat“, schwillt da der Kamm.  

Üblich sind Uni- oder DFG-interne Ombudsverfahren, die meist in nicht öffentlichen Rügen enden. „Geheimverfahren“ nennt Rieble sie und schimpft über „mandarinhafte Rücksichtnahme“ im Uni-Milieu. Internetplattformen wie „Guttenplag“, die das Plagiat des damaligen Verteidigungsministers auffliegen ließ, seien eine Reaktion darauf.

Rieble war am Wochenende einer der Referenten des „Bad Dürkheimer Symposiums“, bei dem jährlich unter der Ägide des Familienrechtlers Gerd Brudermüller namhafte Wissenschaftler Lösungen für ethische Probleme suchen. Selten hat man Professoren so schonungslos über ihre eigene Zunft reden hören wie hier. Professorale Abschreiberei sei in den Geisteswissenschaften gang und gäbe, diagnostizierte Rieble unter allgemeinem Kopfnicken. Aus der Medizin, der für Fälschungen anfälligsten Wissenschaftsdisziplin, listete die Baseler Medizin-Ethikerin Bernice Elger ellenlang Betrügereien auf. Jeder fünfte Forscher hat schon mal Anlage oder Ergebnis seiner Studie verändert, wenn der Geldgeber es wollte. Jeder Zehnte unterschlug Daten, die nicht zu seiner Theorie passen. Und manchmal schreiben heimlich Geister-Autoren aus Pharmafirmen mit.

Die tönenden Ethik-Richtlinien, mit denen sich die Unis und Verbände schmücken, sind nicht ausreichend, darüber war sich die Runde einig. Der Wissenschaftsbetrieb hat aus den Betrugsfällen nicht gelernt, wie sehr seine eigenen Regeln zum Tricksen verführen. Ginge es zum Beispiel nach der Medizinethikerin Elger, dann würde man den Quelle: sogenannten H-Index sofort abschaffen, mit dem Unis gern Medizin-Professoren beurteilen: Ermisst, wie oft sie zitiert werden. Kein Wunder, wenn sie sich gern als Mitautoren in Studien von Mitarbeitern nennen lassen.

Der Düsseldorfer Medizinethiker Dieter Birnbacher wünscht sich Unis, die nicht ständig danach schielen, wie viele Forschungsgelder jemand einwirbt. Der Bielefelder Professor Wolfgang Schild wird noch deutlicher: „Wer heute einen fairen Förderantrag schreibt, hat keine Chance. Er muss doch lügen!“


Als Strafrechtler schlägt Schild konkrete rechtliche Vorgaben vor, um Betrüger zu schrecken. Negativlisten zum Beispiel, die klar definieren, was man nicht darf. Außerdem sollten die Universitäten ihre Promotionsordnungen endlich so ändern, dass einem Plagiator keine Täuschungsabsicht mehr nachgewiesen werden muss. Vorsatz ist nämlich schwer nachzuweisen. So hat diese Klausel schon manchem Plagiator den Titel gerettet.

 

Quelle:
Verlag: DIE RHEINPFALZ
 

Publikation: Unterhaardter Rundschau
Ausgabe: Nr.72
Datum: Dienstag, den 26. März 2013
Seite: Nr.3
"Deep-Link"-Referenznummer: '91_9697241'
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