Lieber Herr Koch,

   lieber Herr Waltgenbach:

 

Dank an Pfarrer Feucht, daß er sich zu einer längeren Befragung bereit erklärt hat, dank auch Ihnen beiden,daß Sie unermüdlich das 'Fähnlein des Widerstands' hoch halten zur Aufklärung und Positionierung gegen den ökonomischen Wahnsinn!

 

Ich gestatte mir, das mit solchen (letzteren) Worten zu kennzeichnen; denn wie anders soll man eine ganz fatale Entwicklung benennen, die mithilfe des edlen Beiworts "Bio" -  

und unter der gleichmütigen Duldung seitens wohlstandsgesättigter Mitbürger - im Begriff ist, die katastrophale Ausrichtung unserer Art zu leben, zu wirtschaften und zu konsumieren noch zu verstärken, zu 'zementieren'!  

Auf Kosten der Hungernden in aller Welt (sogar neuerdings in Industriestaaten) und auf Kosten eines zukunftsfähigen Weltklimas.

 

Pfarrer Feucht hat das zentrale Problem ja selbst erwähnt: es ist der Kampf um Macht. Und er sprach vom Phlegma der wohlstandsgesättigten Konsumenten, der wurschtigen Gleichgültigkeit, welche eigentlich sogar hinein reicht ins Brutale: sieht man, wie über die globale "Tank statt Teller"- Problematik  

z.B. in Afrika gelitten wird - aber auch schon in der 'Kornkammer' des Mittleren Westens der USA, aktuell während der Ernteeinbußen und extremer sozialer Schieflage dort.

 

Wenn aber ein Pfarrer dies sieht (am Schluß bekennt er sich ja zu diesen Wahrheiten), dann kann er doch nicht (weiter) opportunistisch am Thema vorbeigehen, auch mit dem Blick auf kirchliche Traditionen nicht in seiner Amtseigenschaft -? Pfarrer Feucht benennt ja ausdrücklich den Widerstandskämpfer Bonhoeffer, als Vorbild! Ich selber bin Mitglied der Tübinger Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde und habe es stets vor Augen, welch wichtige Wirkung Bonhoeffer durch seine Standfestigkeit im Hinblick auf eine 'humane', aber auch auf eine 'gottgefällige' Welt erzielen konnte! (In gleicher Weise gehörte auf Seiten der Katholiken auch Pater Alfred Delp erwähnt)

 

Hier und heute geht es ebenfalls um Leben und Tod, wenngleich nicht so dramatisch wie im Dritten Reich. Doch letztlich wirken wir mit unserer Lebensweise & Konsum nach 'westlicher' Weise ganz entscheidend auf die Lebensbedingungen von Millionen, Milliarden gar ein: die wohnen zwar hauptsächlich im Süden und Osten unseres Globus, denen sind wir aber auch noch ein arges konsumistisches Vorbild, gemessen allein schon am rasant wachsenden Export von Autos, v. a. noch der Luxusklasse ...

 

Und ein geschichtliches Beispiel auch noch aus DDR-Zeiten:  

hätte es nicht Pfarrer wie Friedrich Schorlemmer gegeben, dann hätten die unsäglich inhumanen Zustände 'drüben' wohl noch über geraume Zeiten ausgeharrt. Diese Vorbilder sollten Pfarrer in einem Land vor Augen haben, in dem sie bei einem gewissenhaften Widerstand gegen das Böse, Üble und Zerstörende ('aus niederem Anlaß': der Sucht nach schnödem Mammon und Einfluß) doch weit weniger zu befürchten haben als in Ländern z.B. des früheren Ostblocks!

 

Ich habe viel Verständnis dafür, daß Pfarrer Feucht aufgrund der miesen Umstände im heutigen Kirchenwesen (Ausbleiben der Kirchenbesucher, weil sie von einer materialistischen 'Erlösung' gesättigt sind ..) und infolge von Gesundheitsproblemen bei solchen Aspekten leise geworden ist. Doch gibt es doch auch andere Pfarrer; sind die alle kleinlaut geworden unter der scheints fürchterlichen Drohung der Firma, die die Agrargasanlage betreiben will, und der 'Wespen' im Wespenbau? Ich frage nochmals: können solche 'Wespen' hierzulande schon so stechen, daß man als klerikaler Charaktermensch 'die Schnauze zu halten' hat -?

 

Dann wär's aber weit gekommen, mit unserer viel geheiligten Demokratie! Ich appelliere an Pfarrer Feucht und seine Amtsbrüder (und Schwestern!):  

ergreifen Sie lautstark Partei in einerAngelegenheit, die eine ganz fragwürdige 'Wohlfahrt' hierzulande auf kommerziell ausgerichtete Verfahren gründen will, welche mittlerweile so deutlich von vielen Seiten als völlig konträr zu den wirklichen Erfordernissen zukunftsfähigen Wirtschaftens eingeschätzt werden!  

Und veranlassen Sie Ihre Gemeindeglieder - wenn's über den fiesen Zeitgeist geprägt auch nur wenige noch sein sollten - zum Nachdenken über diese unsere Art zu wirtschaften, zum Mitfühlen mit denen auf dem Globus, die unter "Tank oder Teller" zum Teil schwer zu leiden haben! Diese Misere könnte auch - und gerade - eine Zeit christlicher Bewährung verkörpern, eingedenk dessen, was in der Vergangenheit von Kirchenleuten an Positionierung gefordert war. Stand damals bei uns die Bekennende Kirche als nicht unwirksames geistlich-moralisches Bollwerk gegen die Deutschen Christen, so könnte heute eine Ökologisch Bekennende Kirche gefragt sein, in deutlicher Positionierung gegen die Ausbeuter von Menschen, Tiergruppen, Rohstoffen, Lebensräumen und Weltklima!

 

Vielleicht eine persönliche Bemerkung zum Schluß. Mir selber sind diese großen Weltprobleme schon lange sowas wie ein 'Stachel im Fleisch' meines persönlichen Wohlbefindens; ich finde mich also zu Protesten bereit (wie im hier vorliegenden Fall), weil auch solcherart Probleme an meiner Gesundheit nagen! Und stelle mir überdies die Frage: dürfen wir, in jahrzehntelangem unhinterfragtem Konsum gedankenlos geworden und abgestumpft - dürfen wir eigentlich so leben und wirtschaften, daß solch große angebliche "Energielücken" überhaupt erst entstehen?

 

Das aber ist auch mit eine politische Frage. Meine Konsequenz ist seit langem gewesen: die "Grünen"zu verlassen und bei der Gruppierung mit zutun, welche solche elementaren Fragen noch bereit ist zu stellen - die Frage nach unserem Lebensstil: bei den Ökodemokraten der ÖDP wird diese vitale Frage wohl einzig noch gestellt. Dies also meine unverhohlene Aufforderung, sich zumindest das Programm der ÖDP mal näher anzusehen; diese durch unseren Zeitgeist klein gehaltene Partei wurde, wie die Grünen, von Dr. Herbert Gruhl anno 1982 mitbegründet. In ihr gibt es nicht wenige Christen, katholische wie evangelische. Ich empfinde die ÖDP als ein wichtiges politisches Korrektiv zu den "Grünen"; die letzteren etikettierte DER SPIEGEL vor zwei Jahren mit dem netten Attribut: "die Wohlfühlpartei" -!

 

Näheres müßte ich dazu eigentlich nicht sagen. Doch ein Vergleich drängt sich auf zum von Pfr. Feucht oben benannten Phlegma der über unseren 'Wohlstand' übel eingelullten Seelen: In religiösen Termini werden sie doch wohl irgendwo ebenso schuldig wie jene, die wir heute als Mitläufer und Opportunisten in üblen politischen Systemen geißeln - oder? Zumindest dann schon, wenn wir uns zu einem gnadenlos kritischen Blick auf die Zukunft unserer Kinder und Enkel bereitfinden? Ganz zu schweigen von der Zukunft von Milliarden auf einem Globus mit geschundenen Billiglöhnern, Arbeitssklaven, Natur, Tieren, Lebensräumen und Weltklima. Im Namen eines gnadenlos angebeteten Wirtschaftswachstums und eines nachgerade kriminell ignoranten 'Wohlstands'.

 

Die geplante "Bio"-Gasanlagebei Göllheim: sie ist ganz gewiß ein weiterer Frevel auf diesem fatalen Wege.

 

Mit freundlichem Gruß,

 

Wolfgang M. Wettlaufer

 

- Geschrieben im Stift Urach/Württ., wo ich an einer Tagung der Karl-Heim-

  Gesellschaftzum Thema Religion und Naturwissenschaft teilnehme;

- Weiterleiten werde ich dieseZeilen noch an mir bekannte Pfarrer sowie an  

   Bürgermeister in den Kreisen Donnersberg, Bad Dürkheim, u.a. - zusammen mit  

   den von Progoellheim gegebenen Infos

 

 

   Wolfgang Martin Wettlaufer, Dipl.-Biologe

   72076 TÜBINGEN / 67316 CARLSBERG